Bildnis
und Spiegel
„
Kassandra, die Ahnungsvolle, die scheinbar Warnende und nutzlos
Warnende, ist sie immer ganz unschuldig an dem Unheil, das sie
voraussagt? Dessen Bildnis sie entwirft.
Irgendeine
fixe Meinung unserer Freunde, unserer Eltern, unserer Erzieher,
auch sie lastet auf manchem wie ein altes Orakel. Ein halbes
Leben steht unter der heimlichen Frage: Erfüllt es sich
oder erfüllt es sich nicht. Mindestens eine Frage ist uns
auf die Stirn gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis
man es zur Erfüllung bringt. Dabei muß es sich nicht
im geraden Sinn erfüllen; auch im Widerspruch zeigt sich
der Einfluß darin, daß man nicht so sein will, wie
der andere uns einschätzt. Man wird das Gegenteil, aber
man wird es durch den anderen. (...)
In
gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in
uns hineinsehen, Freunde wie Feinde.
Und
umgekehrt! auch wir sind die Verfasser der anderen; wir sind
auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für
das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für
ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage.
Wir
sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht,
im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei
erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die fesselt
und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm so, daß
er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern!
Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung
von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln.
Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie
sehr der andere seinerseits eben Spiegel unseres erstarrten
Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer."
Max Frisch: Tagebuch
'Angenommen
ein Mensch spiegelt uns eine Eigenschaft, wird für uns
Spiegel. Vielleicht benehmen wir uns anfangs wie ein Kleinkind
oder Buschmann. Wir erkennen uns nicht. Um den Spiegel gebrauchen
zu können, müssen wir wissen, daß wir einen
vor uns haben. Weiters: Der, der sich im Spiegel sieht, kann
nicht abwesend sein. Und: Der Spiegel zeigt, ohne zu werten;
wir interpretieren das, was wir in ihm sehen. (...) Was wir
am anderen (im Spiegelbild) erkennen, tragen wir also auch in
uns.‘
Hannelore Traugott: Lilith – Eros des schwarzen Mondes