Der
Weckruf des Poseidon
Gedanken
zum Hiersein
Das
Seebeben in Südostasien hat etwas verändert in unserem
Menschsein. Wir alle haben gespürt, wie zerbrechlich unsere
Welt ist. Das Wort Globalisierung hat eine neue Dimension bekommen:
Wir haben gespürt, dass wir alle miteinander verbunden
sind, egal wie groß die Entfernungen sind. Wir leiden
mit den Opfern des Seebebens und dieses Leiden stiftet eine
emotionale Verbundenheit.
In
der Zeit
vom 31.12. 2004 heißt es:
Die Menschheit
wurde von jeher von Flutkatastrophen heimgesucht. Sie haben
den Schöpfungsmythos berührt, die kulturelle Symbolik
von der Gewalt des Wassers. Seit je entdecken die Menschen
in der Flut die unbändige, göttliche Kraft der Reinigung,
die den Beginn einer neuen Zivilisation in sich trägt.....
Die Sintflut ist in allen Sagen der Welt ein Symbol für
das Unbewusste, Verdrängte, das plötzlich hervorbricht.
Hier
möchte man laut zustimmen: Ja, unsere Erde braucht diese
Reinigung. Es ist höchste Zeit, dass wir erwachen, heraustreten
aus unseren Mikrokosmen, in denen ein Autounfall, eine nicht
bezahlte Rechnung, die Lottozahlen, eine unglückliche Liebe,
eine missglückte politische Reform zum Nabel der Welt werden.
Es
ist höchste Zeit, dass wir erkennen, dass wir hier auf
dieser Erde nur ein Gastspiel haben. Wir haben so wenig Zeit,
doch was tun wir damit?
Rilke
sagt zu Beginn der Neunten Duineser Elegie
Aber
weil Hiersein viel ist, und
weil uns scheinbar
alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das
seltsam uns angeht.
Uns, die Schwindendsten.
Ein Mal jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und wir
auch
ein Mal. Nie wieder. Aber dieses
ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.
Homer
nannte Poseidon/Neptun auch den Erderschütterer, weil er
mit seinem Dreizack Erdbeben hervorruft.
Uns
hat er erschüttert in unserem Glauben an die Bedeutung
unserer Mikrokosmen. Er hat uns gezeigt, wie kostbar das Hiersein
ist und
dass
es ein Wunder ist.
Doch Poseidon ist nicht nur der Gott der Meere. Er ist auch
der Gott, der die Sehnsucht nach Verbundenheit aller Menschen
verkörpert. Wie groß diese Sehnsucht heute ist, sehen
wir an dem großen Mitgefühl, das wir mit den Opfern
haben.
Interessanterweise
wird in Rudolf Eislers 'Wörterbuch der philosophischen
Grundbegriffe' Mitleid so beschrieben:
"Mitleid
ist das allmählich im Laufe vieler Jahrtausende
entstandene verletzte Gefühl der
Zusammengehörigkeit mit allen anderen beseelten
Wesen".
Übersetzt
heißt das auch: es gab einmal eine Zeit, in der wir uns
Eins gefühlt haben mit allen Wesen, aber im Laufe der Evolution
sind wir aus diesem Gefühl herausgefallen. Die biblische
Parallele dazu ist der sogenannte Sündenfall, das Verlassen
des Paradieses.
Mitleid
hat also etwas zu tun mit dem Wunsch, dieses Gefühl der
Zusammengehörigkeit mit allem, was ist, wieder zu erlangen.
Milan
Kundera unterscheidet in 'Die unerträgliche Leichtigkeit
des Seins' Mitleid und Mitgefühl:
"Alle
aus dem Lateinischen hervorgegangenen Sprachen bilden das
Wort Mitgefühl aus der Vorsilbe com- und dem Wort, das
ursprünglich 'Leiden' bedeutete: passio.
Andere Sprachen, so das Tschechische, das Polnische und das
Schwedische, drücken diesen Begriff durch ein Substantiv
aus, das aus der Vorsilbe Mit- und dem Wort 'Gefühl'
besteht (tschechisch sou-cit, polnisch wspol-uczucie, schwedisch
medkänsla).
In
den aus dem Lateinischen hervorgegangenen Sprachen bedeutet
das Wort compassio:
wir können nicht herzlos den Leiden eines anderen zuschauen,
oder: wir nehmen Anteil am Leid des anderen. Aus einem anderen
Wort mit ungefähr derselben Bedeutung (französisch
pitié, englisch pity, italienisch pietà usw.)
schwingt sogar unterschwellig so etwas wie Nachsicht dem Leidenden
gegenüber mit: »Avoir de la pitié pour une
femme« heißt, daß wir besser dran sind als
diese Frau, uns zu ihr hinabneigen, uns herablassen.
Aus
diesem Grund erweckt das Wort Mitleid Mißtrauen: es
bezeichnet ein schlechtes Gefühl, das als zweitrangig
empfunden wird und nicht viel mit Liebe zu tun hat. Jemanden
aus Mitleid zu lieben heißt, ihn nicht wirklich zu lieben.
In den Sprachen, die das Wort nicht aus der Wurzel Leiden,
sondern aus dem Substantiv 'Gefühl' bilden, wird es ungefähr
in demselben Sinn gebraucht; man kann aber nicht behaupten,
es bezeichne ein zweitrangiges, schlechtes Gefühl. Die
geheime Macht seiner Etymologie läßt das Wort in
einem anderen Licht erscheinen, gibt ihm eine umfassendere
Bedeutung:
Mit-Gefühl
haben bedeutet, das Unglück des anderen mitzuerleben,
genausogut aber jedes andere Gefühl mitempfinden zu können:
Freude, Angst, Glück und Schmerz.
Dieses
Mitgefühl (im Sinne von soucit, wspoluczucie, medkänsla)
bezeichnet also den höchsten Grad der gefühlsmäißigen
Vorstellungskraft, die Kunst der Gefühlstelepathie; in
der Hierarchie der Gefühle ist es das höchste aller
Gefühle."
So
traurig die Ereignisse uns auch stimmen mögen, so sehr
hoffe ich, dass sie uns in unserem Menschsein wieder näher
zusammen bringen.
Ein
wunderbares Beispiel für dieses tätige Mitleid ist
die Arbeit von Rosa Gollmann, die als die Mutter Theresas Indiens
bezeichnet wird. Sie ist tätig für die Andheri-Hilfe
in Bonn, die eine freie, unabhängige Organisation der Entwicklungszusammenarbeit
ist. Wenn Sie sicher sein wollen, dass Ihre Spende bei den Menschen,
die sie brauchen, auch direkt ankommt, dann schauen Sie doch
mal auf die Homepage der Andheri-Hilfe.