Die
Ursprünge des Denkens und Philosophierens sind in der Liebe
zur Weisheit = Sophia zu finden.
Weisheit
ist keine Ansammlung von Fakten, sondern ist befruchtetes Wissen.
Das, was sich in mir entfaltet hat, das, was in mir Widerhall
gefunden hat.
Sophia taucht im Alten Testament (in den Sprüchen,Im Buch
Jesus Sirach und im Buch der Weisheit) als Mitschöpferin
des Alls auf . Die Wortherkunft ist sowohl auf 'sophos' =
weise, verständig, klug zurückzuführen als auch
auf 'Sapentia' = Weisheit und 'sapere' schmecken,
verstehen, erlernen.
'Sophia'
stand für den Geist weiblicher Weisheit, für den gefühlsmäßig
leidenschaftlichen Zugang zum Wissen und zu der Leidenschaft bei
der Weitergabe. In antiken Kulturen wurden lange Zeit weibliche
Gottheiten an erster Stelle verehrt. Das Leben kam aus dem Weiblichen,
und das Wort philo-sophia wurde lange Zeit gleichbedeutend mit
'sophia' gebraucht. Wenn man 'sophia' hatte, dann war man umsichtig
klug und urteilsfähig in wichtigen Lebensangelegenheiten.
Weisheit hatte somit einen deutlichen Praxisbezug und war etwas,
das man im Dialog von Innen und Außen erwerben konnte.
Dies
änderte sich zum Ende der Antike: der Praxisbezug fiel weg,
die Philosophie wurde jetzt eine Wissenschaft von Auserwählten,
da es um das Wissen um die göttlichen Ideen ging, die nicht
jedem zugänglich waren. Diese Entwicklung lief parallel mit
der Verdrängung der Frauen aus dem Kreis der Philosophen.
Diejenigen, die weiter den Praxisbezug in der Philosophie beibehielten,
die sophistai, wurden von den Philosophen abgewertet und
in Verruf gebracht.
Sophia
aber lebte im Bewußtsein weiter: Im Mittelalter tauchte
sie als "Dame der Weisheit", unter dem lateinischen
Namen Sapientia wieder auf. Die Mystikerinnen (u.a. Hildegard
von Bingen, Teresa von Avila und die Beginenbewegung)
versuchten die Tradition der Sophia wieder-zu beleben.Sie zeigten,
daß ihre Inspirationen und die Einsicht ins Göttliche
nicht in erster Linie durch intellektuelle Handlungen entstanden.
Das brachte viele Mystikerinnen in Verruf, denn indem sie Eingebungen
hatten,verkündeten sie das, was nur Gott wissen konnte.Dies
inspirierte jedoch in der Folgezeit viele Philosophen der Renaissance.
Auch
der heutigen Zeit, die vom männlichen Logos, vom rein fakten-
und intellektbezogenen Wissen beherrscht wird, würde eine
Renaissance der Sophia gut tun, denn nur das ist weise, was auch
von Innen her erfahren wird.
Hildegard
von Bingen
O
Kraft der Weisheit,
umkreisend die Bahn,
die eine des Lebens ziehst um das All du die Kreise,
alles umfangend.
Drei Flügel hast du:
In die Höhe empor schwingt der eine,
auf der Erde müht sich der zweite,
und überall schwingt der dritte.
Lob sei dir Weisheit, würdig des Lobes.
Der
obige Text basiert auf dem Auszug aus der Dissertation von
Sabine Bauer: Sophia - der Siegel der Weisheit, der auch im
Internet abgedruckt ist. (siehe auch Links-
Die Seite von Sabine Bauer über Sophia ist zur Zeit nicht
im Netz, wird aber wieder online gestellt.)